Couch Potato

Wenn ich schon einen großen Teil meiner Freizeit auf der Couch vor dem Small Screen verbringe, dann lohnt sich dafür ein eigenes Blog. Ich gehörte schon immer zu denjenigen, die Fernsehen als legitimes Hobby betrachteten

Bitte beachtet auch die Hinweise zum Ungang mit Spoilern hier im Blog!
Wer sich fragt, nach welchen Maßstäben ich meine Bewertungen vergebe, kann das hier nachlesen


29 Januar 2007

Amy mag Heroes nicht

Meine beliebteste (US-)Fernsehkolumnistin hat in ihrer grade noch aktuellem Kolumne zugegeben, dass sie eigentlich kein sooo großer Fan der aktuellen US-Serie Heroes ist. Andrerseits gab sie an, ein unverbrüchliches Vertrauen auf eine weitere hochwertige Fortsetzung der in letzter Zeit (für den aktuell in den USA unterbrochenen Beginn der dritten Staffel) oftmals gescholtenen Serie Lost zu habe.
Wie kommt es also, dass meine große Adoptivschwester mit Fernseh-Geschmack so von meinen eigenen Ansichten abweichen kann?
Der Unterschied ist wohl ein grundlegender, unsere Ansichten sind die sprichwörtlichen zwei Seiten einer Medallie. Wir lieben gute Fernsehserien. Was aber macht eine gute Fernsehserie aus? Interessante Charaktere, eine fesselnde Handlung (und natürlich handwerkliches Können und ein ausreichendes Budget - welche man aber mittlerweile bei fast allen US-Fernsehserien findet). Und während meine gute Fernsehserie aus zwei Teilen guter Handlung und einem Teil guter Charaktere besteht, sieht meine Schwester im Geiste es eben umgekehrt: ein Teil gute Handlung und zwei Teile gute Charaktere - gerschüttelt, bitte, nicht gerührt.

Und ich denke, da kommt dann auch das in letzter Zeit so weit verbreitete Lost-Bashing (das Rumhacken auf LOST) her. In den USA war - wieder mal nach einem massiven Cliffhanger am Ende der vorangegangenen Staffel - im Herbst die dritte Staffel gestartet worden. Wieder mal (wie in Staffel 2) war der Start der Handlung der dritten Staffel eher langsam, und anstatt der Aufklärung der offenen Geheimnisse der zweiten Staffel wurden wiederum eher mehr Geheimnise und kryptische Andeutungen gesät.
Zudem ging man bei der Ausstrahlung neue Wege. In den USA ist es - aufgrund der Notwendigkeit, 22 Folgen über einen Zeitraum von etwa 35 Wochen zu produzieren - üblich, Folgen immer in kleineren Blöcken auszustrahlen und in den Wochen ohne neue Folgen einfach Wiederholungen bisheriger Episoden der Serie auszustrahlen. Bei CSI ist das ja auch nicht wirklich ein Problem. Bei einer Serie mit vortlaufender Handlung kann das aber eher verwirrend sein. Zudem ist es natürlich einfach nervig. Also entschloß man sich zu einer neuen Herangehensweise1: man strahlte im Herbst 6 Episoden aus, um dann 14 Wochen Pause zu machen (in der Zeit konnte man eine komplette Kurzserie ausstrahlen - die aber auch von den Zuschauern nicht angenommen und daher abgesetzt wurde - für den Sender ABC ging dieser Kunstschuß also nach hinten los). Diese Planung war auch der Öffentlichkeit schon seit Mitte des letzten Jahres bekannt. Und viele - mich eingeschlossen - erwarteten nun, das man sich für diese sechs Episoden im Herbst was Besonderes einfallen lassen würde. Fesselnde Handlung eben. Aber hauptsächlich ergab sich - meiner Meinung nach - ein langatmiges Charakterspiel. Und da sind dann die meisten Fans (inklusive mir) ein bisschen ungehalten geworden. Denn man hat ein bisschen das Gefühl gehabt, dass handlungsmäßig doch stark auf die Bremse getreten wurde. Der Eindruck stellte sich ein, dass hier eine erfolgreiche Milchkuh vom Sender möglichst lange gemolken werden sollte - man denke an das unwürdige Ende von Akte X. Als engagierter Zuschauer kommt man sich natürlich etwas verarscht vor.
Die Produzenten steuerten in den USA entsprechend gegen, begannen eine öffentliche Diskussion um den Zeitpunkt, zudem die Serie eingestellt werden würde, weil ihre Handlung auserzählt worden sei. Um eben dem Eindruck zu entschärfen, die Serie würde endlos gemolken. Lost ist eben in den Augen der Produzenten eher ein Charakter Drama, bei dem die (Mysterie-)Handlung nur ein Mittel zum Zweck ist. Viele Fans sehen das eben anders. Und die sind jetzt von der handlungslastigen Serie Heroes begeistert.

In diesem Sinne: Save the Chearleder - save the world!

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1: Der amerikanische Fernsehmarkt funktioniert nach vielen Gesetzmäßigkeiten, die sich zum Teil aus Notwendigkeiten ergeben, manchmal aber eben auch Vorteile mit sich bringen. Durch die nur geringfügig von einander abweichende Produktion und Ausstrahlung können die Macher von Fernsehserien vielfach auf die Zuschauerakzeptanz bestimmter Aspekte und Handlungsstränge eingehen, und diese gegebenenfals halbwegs kurzfristig (etwa sechs Episoden Spielraum) noch umorrientieren. Hintergrund ist natürlich, dass das Fernseh- und Seriengeschäft in den USA ein hartes ist. Serien werden immer wieder wegen mangelnder Zuschauerakzeptanz abgesetzt. Eine einzelne Serienepisode ist für den ausstrahlenden Sender immer eine Milioneninvestition. Da ist man halt vorsichtig. Deswegen können solch alternative Programmierungen wie jetzt bei LOST nur bei erfolgreichen Produktionen angegangen werden - bei denen sicher ist, dass sie nicht mittendrin eingestellt werden. Als Randbedingungen ergeben sich aber halt: Serienproduktionen müssen Sommerpausen machen (erfolgreiche Serien-Schauspieler nutzen diese Zeit oftmals für Spielfilmproduktionen; zudem sind längere Pausen aufgrund des akuten Streßes während der Drehphasen einfach nicht zu vermeiden); man braucht etwa 36 Wochen, um 22 Episoden einer Fernsehserie zu produzieren (Drehbuchplanungen, Drehbuchschreiben, Castin, Location Scouting, Dreharbeiten, Special Effects, Editing, sonstige post production); die Fernsehsender wollen natürlich ihre erfolgreichsten Serien bereits ab Herbst - zusammen mit ihren noch unbekannten neuen Produktionen - ausstrahlen, eben damit die Zuschauer auch mal dranbleiben und einen Blick auf die neuen Serien werfen.
Versucht mal selbt, diese Randbedingungen unter einen Hut zu bringen, ohne Kopfschmerzen zu kriegen.

[Momentan in Winamp: The Distillers - Drain The Blood]

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